Open Source von A-Z

6. September, 2012 | 0:32 | Autor: Mirco Lang

[Der folgende Artikel ist ein Überbleibsel aus einem umgebauten Artikel für die PC Praxis – sollten im Text also Verweise auf Kästen oder Workshops sein, einfach ignorieren.  In der Ausgabe PC Praxis 10/2012 ist der Rest zu finden, der auf 25 Seiten die besten Open-Source-Programme präsentiert sowie Plug-ins, Live-CDs und so weiter; zusätzlich gibt’s Mythen rund um Open Source, die wichtigsten Akteure der freien Szene und einige spannende Workshops, etwa zum Digitalisieren von Schallplatten mit Audacity.]

Open Source – was ist das überhaupt genau?

Professionell programmierte Software, völlig kostenlos, nach Belieben zu verteilen und anzupassen – das gibt es nicht? Doch, Open Source bietet genau das und mit Programmen wie Firefox oder Chrome benutzen Sie es vermutlich schon. Aber was steckt dahinter? Wir zeigen Hintergründe und klären alle wichtigen Fragen – etwa, warum Open Source nicht einfach nur kostenlos ist!
(Übrigens: Artikeltext und eigene Bilder stehen ebenfalls unter freier Lizenz, CC-BY-SA, können also frei weiterverwendet werden.)

Inhaltsverzeichnis:
Was ist Open Source denn nun überhapt?
Was heißt das denn praktisch für mich als Endanwender?
Was ist der Unterschied zwischen Free Software und Open Source Software?
Philosophisches Duell: Open Source oder Free Software?
Welchen Audruck sollte ich denn nun verwenden?
Und was ist dann gleich Freeware? Oder gar Prayware??
Gibt es auch für Open Source Lizenzen? Oder ist das rechtefrei?
Exkurs: Lizenzen
Wie hat Open Source angefangen?
Und wie hat es sich entwickelt?
Was sind die wichtigsten Errungenschaften?
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Wie funktioniert Open Source in der Praxis?
Wie kann ich bei Projekten mitwirken?
Woher bekomme ich Open Source Software?
Kann ich freie Programme genauso installieren wie andere Software?
Woher bekomme ich Hilfe, wenn etwas nicht klappt?
Kann Open Source etwas, was kommerzielle Produkte nicht können?
Welche Software sollte ich auf jedenfall kennen?
Lässt sich  etwas nicht durch FLOSS ersetzen?

firefox

Das vielleicht populärste Beispiel für Open Source: Firefox

Freibier! Des Deutschen liebstes Gratisgetränk (oder haben Sie schon mal Freiwein oder Freisaft gehört?) wird noch eine bedeutende Rolle bei der Erklärung von Open Source  spielen und klar machen, warum es hier eben nicht „nur“  um’s Kostenlossein geht. Natürlich wollen wir Sie nicht mit 25 Seiten Theorie überfallen, es bleibt reichlich Platz für Tool-Vorstellungen, Workshops und Praxistipps zu allen Breichen des PC-Alltags. Beispielsweise werden Sie einen Musik-Player kennenlernen, dessen Oberfläche Sie nicht einfach hinnehmen müssen, sondern nach eigenen Wünschen gestalten dürfen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie mit einer Maus/Tastatur mehrere Rechner im LAN bedienen können – ganz ohne Kabelstöpselei. Oder wie wäre es mit einer grafischen Auswertung Ihrer Speicherplatzbelegung? Oder dem einfachsten Webcam-Server der Welt? Selbst ein philosophisches Duell haben wir zu bieten, in dem ein Waffennarr und der selbsternannte Heilige der Church of Emacs Wortklauberei betreiben … . Und selbst wenn Sie sich für technische Hintergründe oder lizenzmäßige Winkelzüge nur am Rande interessieren, gibt es zwei gute Gründe, über Open Source bescheid zu wissen: Zum einen ist es ein wesentlicher Bestandteil, man könnte sogar Grundlage sagen, der derzeit durchaus populären Nerd-Kultur á la Big Bang Theory. Zum anderen gibt es wohl kaum eine Bewegung, die sich so sehr für den Schutz Ihrer Daten und gegen ein überwachtes Internet einsetzt.

Was ist Open Source denn nun überhaupt?

xdev_source

Das Kernstück jeder Open Source/Free Software: Verfügbare, Editierbare Quelltexte

Open Source bedeutet wörtlich „offene Quelle“ und heißt, dass die Quelltexte der Programme frei einsehbar sind. Sie bekommen also nicht wie bei proprietären (herstellerabhängigen) Programmen lediglich ein paar ausführbare EXE- und DLL-Dateien und ähnliches, sondern auch Textdateien mit dem zu Grunde liegenden Code. Das hat den großen Vorteil, dass Sie genau erforschen können, wie ein Programm funktioniert und was es tut. So lassen sich Fehler und Sicherheitslücken finden und natürlich wird auch vermieden, dass Programme irgendwelche Informationen „nach Hause“ senden. Wenn Sie nun keine Ahnung von Programmierung haben macht das gar nichts, denn auch wenn Sie selbst nichts mit Quelltexten in C, C#, Java oder sonst einer Sprache anfangen können – viele andere können es! Und eben diese anderen User, Programmierer und Tester würden schnell aufschreien, wenn irgendjemand Spionagefunktionen in ein Programm einbauen würde, eine unsichere Verschlüsselung nutzen oder sonstige Risiken eingehen will. Und da Open Source Software gemäß ihrer jeweiligen Lizenzen (mehr dazu später) auch verändert und weitergegeben werden darf, können unerwünschte Funktionen einfach entfernt werden. Ein bekanntes Beispiel ist etwa Googles Chrome-Browser: Funktionen wie Nutzerstatistiken und automatische Updates gefielen vielen nicht, folglich kam mit Chromium in kurzer Zeit ein erstes Derivat auf den Markt, aus dem diese Merkmale entfernt wurden.

Open Source bedeutet also kurz gesagt, dass die Quelltexte der Programme einsehbar sind und verändert, weiterverwendet (etwa als Funktion in anderen Programmen, zum Beispiel MP3-Codecs in CD-Rippern) und weitergegeben werden dürfen. Aber auch die Entstehung von Open Source Software ist besonders: In der Regel wird sie nicht von einem geschlossenen Programmiererkreis entwickelt, wie etwa MS Office, sondern einer offenen Community, an der sich jeder beteiligen kann. Da die Organisation des Codes und des ganzen Projekts über Internet-Plattformen abläuft, funktioniert so ein Prozess auch mit vielen tausend Beteiligten, die über die ganze Welt verteilt sind. Dieser Entwicklungsprozess bringt vor allem den Vorteil, dass sehr viele Augen über die verrichtete Arbeit schauen und so Fehler um Fehler finden und ausmerzen können.

Was heißt das denn praktisch für mich als Endanwender?

Areca

Die meisten FLOSS-Tools arbeiten mit offenen Standards - wie etwa Areca, das Backups in ZIPs speichert

Sie als Endanwender können Open-Source-Programme kostenlos herunterladen, nutzen und weitergeben – und das auch im kommerziellen Umfeld.  Und Sie profitieren von dem Entwicklungsprozess, der zu stetigen Neuerung, Updates und Patches führt sowie eine sehr hohe Sicherheit gewährleistet. Zusätzlich sind Sie von keinem Hersteller abhängig, der jederzeit ein Produkt einstellen, die Nutzungsbestimmungen oder Preispolitik ändern könnte.

Was ist der Unterschied zwischen Free Software und Open Source Software?

Richard M.Stallman

„Wir stimmen mit der Open Source-Fraktion bezüglich der grundsätzlichen Ziele und Werte nicht überein, aber ihre Ansichten und unsere führen in vielen Fällen zum gleichen praktischen Verhalten – wie das Entwickeln freier Software.“ Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Billie Ebbesen

Neben dem bekannteren Begriff Open Source wird häufg alternativ Free Software verwendet. Dahinter stehen zwei unterschiedliche Philosophien und Organisationen. Was es genau mit dieser „Idealisten gegen Pragmatiker“-Thematik auf sich hat, können Sie im Duell-Kasten am Ende des Artikels nachlesen. Kurz und praktisch gedacht: Open Source betont Entwicklungsprozess und Quelloffenheit, Free Software betont vier grundsätzliche Freiheiten, nämlich ein Programm nachvollziehen, verändern, verteilen und beliebig nutzen zu können. In der Praxis könnten Sie fast jedes Programm so oder so nennen, denn im Endeffekt entsteht überall freie Software.

[Und hier nun der „Duell-Kasten“ – eine Bezeichnung, die im gedruckten Heft durchaus Sinn gemacht hätte.]

Philosophisches Duell: Open Source oder Free Software?

Eric S.Raymond

„Genau gesagt, haben wir ein Problem mit dem Terminus „Free Software“ selbst, nicht mit dem Konzept. Ich bin überzeugt, das der Terminus verschwinden muss.“ Quelle: Quelle: Wikimedia Commons, Autor: jerone2, Lizenz: CC-BY-SA

Die endlosen, jahrzehntelangen Debatten, ob es besser Open Source oder Free Software heißen sollte, wirken auf den ersten Blick banal, aber dahinter stecken zwei sehr unterschiedliche Ansichten: Richard Stallman & Co. treten vor allem für die sozialen und ethischen Vorzüge freier Software ein und beharren daher auf Free/Frei im Sinne von Freiheit (nicht Freibier). Raymond und die Mitstreiter der Open Source Initiative konzentrieren sich auf den pragmatischen Ansatz, dass quelloffene Software durch die entsprechende Entwicklung durch eine Community, schlicht bessere Produkte hervorbringt. Der jüngere Begriff Open Source ist so auch ein Versuch, in der Industrie ein besseres Image aufzubauen und sich von der von Idealen und einigen Freaks geprägten  Free-Software-Fraktion zu distanzieren. Für den Endnutzer ist das ohne praktische Belange, führen doch beide Seiten meist zum gleichn Ergebnis – daher setzt sich auch immer mehr das vereinigende Akronym FLOSS für Free/Libre and Open Source Software. Die beiden Hauptakteure äußerten sich  dazu etwa mit „Genau gesagt, haben wir ein Problem mit dem Terminus „Free Software“ selbst, nicht mit dem Konzept. Ich bin überzeugt, das der Terminus verschwinden muss.“ (Raymond), beziehungsweise „Wir stimmen mit der Open Source-Fraktion bezüglich der grundsätzlichen Ziele und Werte nicht überein, aber ihre Ansichten und unsere führen in vielen Fällen zum gleichen praktischen Verhalten – wie das Entwickeln freier Software.“ (Stallman).

Welchen Audruck sollte ich denn nun verwenden?

Die meisten Kollegen, Behörden, Universitäten und so weiter verzichten auf diese feinsinnige Unterscheidung verwenden pauschal Open Source, allein schon weil deutlich populärer – so wie auch wir es bis hierhin gemacht haben. Um der Sache gerecht zu werden, setzt sich erfreulicherweise die Abkürzung FLOSS durch, die für Free/Libre Open Source Software steht und der Sache – gerade aus Anwendersicht – sehr gerecht wird. Das Libre soll übrigens dafür sorgen, dass klar ist, dass Free wie in Freiheit gemeint ist, nicht wie in Freibier (das Originalzitat aus der Free Software Definition: „Free as in „free speech“, not as in „free beer““).

Und was ist dann  Freeware? Oder gar Prayware??

foobar2000

Toll, aber leider nur Freeware: foobar2000 setzt zwar teils auf Offenheit (SDK), ist aber letztlich nur Freeware, ein Blick auf den Quelltext gibt es daher leider verwehrt

Das Freibier-Free finden Sie bei kostenloser Software aber auch: Freeware ist zwar gratis, davon abgesehen entsprechen die Lizenzen meist denen kostenpflichtiger proprietärer Produkte, regulieren also strikt die Nutzung (etwa nur für private Zwecke) und verbieten in der Regel die Weitergabe und immer die Veränderung. Freeware wird häufig von einzelnen Privatleuten programmiert, aber Firmen geben immer wieder kostenlose Utilities heraus, wie etwa Piriform den bekannten Ccleaner.    Außerdem gibt es noch etliche weitere Lizenzen, von der mittlerweile populären Donationware (gratis mit Bitte um Spende), über die verhasste Adware mit Werbung im Programm bis hin zu unserem Lieblingsexoten: Eine Prayware-Lizenz forderte uns tatsächlich auf, dem Programmierer ein Gebet zu widmen … .

Gibt es auch für Open Source Lizenzen? Oder ist das rechtefrei?

Ein Programm ist nur dann FLOSS, wenn eine entsprechende Lizenz dies bestimmt – und vergeben wird sie vom Rechteinhaber, also dem Ur-Programmierer/Projektteam. Hat eine Software keinerlei Lizenz, ist sie in vielen Ländern tatsächlich rechtefrei, so genanntes Public Domain, bei dem der Rechteinhaber sein Copyright komplett aufgibt. Im Deutschen Recht ist das so nicht vorgesehen, lizenzloses Public Domain gibt es hier nicht.

Exkurs: Lizenzen

Open Source Initiative

Die Open Source Initiative pflegt unter www.osi.org diverse Lizenzen

Open Source oder Free Software bedeutet keinesfalls rechte- oder lizenzfrei, es gibt nach wie vor einen Rechteinhaber, der eine (Open-Source-) Lizenz vergeben hat. Die wichtigste Software-Lizenz ist die GNU General Public Licencse, kurz GPL. Die Lizenz gewährt die FLOSS-Freiheiten und hat noch eine Spezialität an Board: Copyleft. Damit ist gemeint, dass Derivate oder Produke, die eine GPL-Software als integrativen Bestandteil nutzen, ebenfalls unter GPL oder kompatibler Lizenz stehen müssen. Damit ist sichergestellt, dass die vom Rechteinhaber garantierten Freiheiten bestehen bleiben und Hersteller proprietärer Produkte nicht „einfach so“ die Früchte anderer verkaufen. Eben dieses Copyleft brachte Steve Ballmer einst dazu, Open Source mit Krebs zu vergleichen – was jedoch Unsinn ist, da es zum einen durchaus Möglichkeiten gibt, GPL-Software in proprietären Produkten zu nutzen, ohne damit zu FLOSS zu werden. Zudem existiert mit der LGPL ( L für Lesser/weniger) explizit eine GPL-Variante, die die Verquickung unterschiedlich lizenzierte Produkte unterstützt. Neben der GPL gibt es noch etliche weiter von der Open Source Initiative zertifizierte Open-Source-Lizenzen, die unter www.osi.org zu finden sind. Eine weitere wichtige Lizenz ist die Creative Commons, die in unterschiedlichen Ausprägungen für freie Inhalte wie etwa die Wikipedia eingesetzt wird. Allerdings sind die Freiheiten recht unterschielich: Die Basislizenz CC-BY-SA, erlaubt freies Weitergeben und Verändern bei Beibehaltung der Lizenz und Nennung des Autors (BY = Namensnennung, SA = Same Attribution). Die Zusätze NC für Nichtkommerziell sowie ND für „Keine Derivate“ schränken die Freiheiten optional ein.

Wie hat Open Source angefangen?

Brief von Bill Gates an Computer-Hobbyisten

Brief von Bill Gates an Computer-Hobbyisten. Quelle: Wikimedia Commons

FLOSS, im Sinne, dass der Quellcode von Programmen offen liegt, verbessert und weitergegeben werden kann, existiert schon seit den frühen Tagen Computer-Welt – allerdings gab es damals keine Bezeichnung dafür, es war schlicht normal. Dazu muss man sich bewusst machen, dass in den frühen sechziger Jahren, als Computer anfingen sich auszubreiten, eigentlich alle User Hacker waren und Systeme nicht wie heute wie von Zauberhand Tausende kompatible Applikationen und unterstützte Peripheriegeräte mit brachten, sondern alles mühsam lernen mussten – entsprechend war es normal, dass Nutzer selbst  Fehler aus dem Programm entfernten oder Verbesserungen einfügten. Auch konnte man nicht einfach das Internet anschmeißen und sich beliebig mit Tools versorgen, vielmehr wurde Software üblicherweise über Tauschzirkel/User Groups verteilt. Erst gegen Ende der 60er, Anfang der 70er, als Software nicht mehr als Gesamtpaket mit der zugehörigen Hardware sondern einzeln vertrieben wurde, fing die Branche an, Programme zunehmend proprietär anzubieten, also ohne Quellcode oder die Erlaubnis, das Produkt zu verbessern oder zu verteilen. Und Ende der 70er, Anfang der 80er wiederum, etablierten Konzerne das Modell des Verkaufs von Software-Lizenzen, die entsprechend an Nutzungsbedingungen, Copyrights oder auch Trademarks gekoppelt waren. Heute mag uns dieses Modell als selbstverständlich erscheinen, damals stellte es sich vielen Usern eher so dar, dass plötzlich Selbstverständlichkeiten durch Restriktionen ersetzt wurden, für die auch noch gezahlt werden sollte. In der Geschichte der Computer und Software hat kaum jemand so gut technisches und vor allem wirtschaftliches Talent kombiniert wie Bill Gates, dem man mit etwas bösem Willen durchaus unterstellen könnte, ganz wesentlich mitverantwortlich für die ab 1983 existierende FLOSS-Szene zu sein: 1976, kurz nach dem Start seiner Karriere mit Microsoft (damals noch Micro-Soft), schrieb Gates einen offenen Brief an Hobby-Computer-User (Open Letter to Hobbyists), in dem er sich darüber beklagt, dass lediglich 10 Prozent der Nutzer seiner entwickelten Software diese auch gekauft und die anderen sie gestohlen hätte. Damit definierte Gates das für viele damals ganz normale „tauschen“ als „stehlen“ – und diese Umdefinierung ist noch heute Grundlage für Diskussionen rund um Filesharing, Quellcodes, Rechte der Hersteller vs. Freiheiten der User und so letztlich auch für die komplett gegensätzlichen Standpunkte von FLOSS’lern und Vertretern der proprietären Software-Industrie.

Und wie hat es sich entwickelt?

debian

Alt, und immer noch gut: Debian ist ein stabiles, gut gepflegtes Linux ohne lästige Spielereien

Die Entwicklung der Szene begann dann ab 1985, als Richard Stallman, damals Wissenschaftler am MIT, aus Unzufriedenheit über bestehende Software-Restriktionen die Free Software Foundation gründetet. Hauptaugenmerk lag zunächst auf der freien Unix-Alternative GNU, die er bereits ab 83 entwickelte. 1989 entstand die erste Version der General Publlic License (GPL), deren zweite Version von 1991 auch heute noch sehr verbreitet ist. Ab 1992 ging es dann wirklich rund: Zunächst steuerte Linus Torvalds dem GNU-System mit seinem Linux einen Kernel bei und bereits ’92 gründete Ian Murdock mit Debian eine der bis heute erforgreichsten GNU/Linux-Distributionen – schließlich ist Debian die Grundlage für Ubuntu! In den 1990ern entwickelte sich FLOSS auch zur Grundlage für das Internet, insbesondere in Form des LAMP-Stacks. Die Kombination aus Linux, Apache (Webserver), MySQL (Datenbank) und PHP/Python als Skriptsprache, ist bis heute die Basis für etliche WWW-Angebote und Intranets. Aber erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehntes wurden die Grundsteine dafür gesetzt, dass heutzutage auch Endnutzer und nicht nur Admins mit Linux herum hantieren: KDE und Gnome sorgten endlich für eine komfortable, grafische Nutzeroberfläche, womit Linux mit Windows und Mac konkurrieren konnte. Mit dem Aufbruch ins neue Jahrtausend durfte man FLOSS als technisch, wirtschaftlich und juristisch  etabliertes, erwachsenes Phänomen betrachten, dass aus der technischen Ecke in die breite Öffentlichkeit treten kann – und die will Programme!

Was sind die wichtigsten Errungenschaften?

LibreOffice

Ohne Office-Suite bräuchte sich die Open-Source-Szene gar nicht erst an die Öffentlichkeit wagen - mit LibreOffice gibt es erfreulicherweise einen echten MS-Office-Ersatz

Neben Betriebssystem und weiterer Infrastruktur (Linux, LAMP), muss FLOSS natürlich auch Endnutzerprogramme liefern, um sich durchzusetzen. Hier sind vor allem drei Produkte zu nennen: Die aus dem Netscape Communicator entstandenen Mozilla-Produkte Firefox und Thunderbird stellen einen kompletten Ersatz für Microsofts Internet Explorer und Outlook und Suns OpenOffice.org machte Microsofts Office-Programm weitgehend überflüssig. Damit waren die wichtigsten Bereiche der PC-Arbeit im Unternehmen abgedeckt. Gerade ab 2000 gab es viele wissenschaftliche Studien über FLOSS und gerichtliche Bestätigungen der GPL, wodurch der Weg frei war für freie Business-Applikationen wie SugarCRM oder Compiere, Anwendungen von Forschungsstellen wie das Lernsystem Moodle oder den Welt-Begucker Worldwind von der NASA.  Auf dem Heimcomputer gibt es heute viele nicht mehr wegzudenkende FLOSS-Werkzeuge, etwa die Bildbearbeitung Gimp, Multimedia-Player wie VLC oder HTPC-Oberflächen wie XBMC. Und selbst wenn Sie all diese Tools nicht nutzen, werden Sie FLOSS unbewusst einsetzen, da Routine-Aufgaben wie Verschlüsselung, Komprimierung oder Online-Sitzungen häufig von freien Bibliotheken abgearbeitet werden, die in kommerzielle/proprietäre Produkte integriert sind.

Wer sind die wichtigsten Akteure?

Bruce Perens

Außerhalb der Szene weniger bekannt, aber Bruce Perens "Hauptwerk" Busybox findet sich in fast allen integrierten Systemen wie Kühlschränken oder Multimediageräten. Quelle: www.perens.com

Die wichtigsten Akteure der FLOSS-Szene zu benennen ist im Grunde genommen etwas unfair, denn die wichtigsten Akteure sind die Millionen über Communities beteiligten Menschen, die Ihren Beitrag leisten, die so genannten Contributors, die Code schreiben, Projekte managen, Designs erstellen, Dokumentationen schreiben, Webseiten administrieren, Veranstaltungen durchfürhen, PR-Arbeit leisten, Support anbieten oder auch juristische Probleme durchboxen. In den Kästen stellen wir Ihnen aber einige der prominenten und vor allem lautesten FLOSSler vor, die die Szene stark geprägt und teils gegründet haben – ein wenig schillernd und polarisierend sind Raymond & Co. ebenfalls durch die Bank.  Übrigens: Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle der Lobbyisten, die etwa bei der EU enorm Druck machen, wenn es darum geht, ob FLOSS  bei größeren Projektvergaben berücksichtigt wird – allerdings des öfteren der Übermacht der proprietären Software-Industrie hilflos gegenüber steht.

Wie funktioniert Open Source in der Praxis?

Grau ist alle Theorie und bis hierher ist eines noch nicht ganz klar: Wie entsteht denn nun ein freies Programm in der Praxis? Projekte starten meist entweder von Universitäten und Forschungsprojekten, von Unternehmen, die ein neues Tool entwickeln oder ein altes freigeben, oder von Privatleuten, die schlicht eine Lösung für ein konkretes Problem bauen wollen. Bei größeren Projekten geben die Organisationen die Verwaltung und Prozesse vor, bei kleineren organisiert sich die Community über spezielle Software-Plattformen selbst. Meist gibt es einen kleineren Kreis an sehr involvierten Personen, die Code-Bestandteile zu einem Produkt zusammenfügen, die Produktpolitik bestimmen, Kernelemente programmieren und die Organisation selbst übernehmen. Hinzu gesellt sich ein wesentlich größerer Kreis aktiver Nutzer, die selbst in Form von Troubleshooting, Code, Support, Fehlerbehebung und so weiter beitragen. Ein noch größerer Nutzerkreis hilft durch Testen der Programme und anschließender Meldung etwaiger Fehler – was letztlich zu sehr wenig Bugs in FLOSS-Produkten führt oder zumindest zu regelmäßigen, schnellen Updates. Die Arbeit selbst wird  meist technisch organisiert, entweder über  spezielle Web-Angebote wie Sourceforge, Github oder Google Code oder über Kollaborationssoftware wie Mediawiki, die Grundlage der Wikipedia.

Wie kann ich bei Projekten mitwirken?

Free Software Foundation Europe

Mitmachen kann jeder - auch ohne Programmierkenntnisse: Die Free Software Foundation Europe gibt unter www.fsfe.org zum Beispiel viele Anregungen

Der Einstieg in ein offenes Projekt ist in der Regel einigermaßen unkompliziert, eine Anmeldung bei einem Sourceforge-Projekt oder der Wikipedia reicht schon, Tools zum Mitmachen werden meist auch explizit angeboten, also beispielsweise Mailing-Listen für Übersetzer oder Bugtracking-Systeme für Beta-Tester. Bei der Wikipedia reicht es etwa ganz konkret, sich anzumelden und schon können Sie in beliebigen Artikeln per Texteditor Änderungen vornehmen oder eigene Artikel anlegen. Die vielleicht simpelste Art der Teilnahme: Nutzen Sie frühe Programmversionen mit integriertem Bug-Tracking. Nutzen Sie etwa die Vorabversionen vom Firefox, helfen schon die Nutzerstatistiken, die  – natürlich optional – an Mozilla gesandt werden. Inhaltlich können Sie vielerlei Arbeit beisteuern – und vor allem vieles, was keinerlei Programmierkenntnisse voraussetzt! Ganz im Gegenteil fehlt es bei vielen Projekten eher an Designern, Grafikern, Forumsmoderatoren, Organisatoren und Leuten, die in der Lage und willens sind, eine ordentliche Dokumentation zu verfassen.

Woher bekomme ich Open Source Software?

Sourceforge

Hauptumschlagsplatz: Auch wenn immer mehr Projekte bei Google Code und Github zu finden sind, bleibt Sourceforge.net ein guter Anlaufpunkt für freie Software

Open Source Software bekommen Sie zum einen bei allen großen Download-Portalen von Filehippo.com bis zum Heise-Download-Center – allerdings sollten Sie hier immer etwa Vorsicht walten lassen, wenn Ihnen der Open-Source-Charakter wichtig ist, denn mit den Lizenzangaben nehmen es viele nicht so genau und FLOSS wird oft fälschlicherweise als Freeware bezeichnet (den umgekehrten Fall gibt es erfreulicheweise so gut wie nie). Zum anderen gibt es spezielle Portale wie Sourceforge, Freshmeat und Berlios, die komplett auf FLOSS spezialisiert sind und auch als Plattformen für die Entwickler dienen; ebenso wie Github und Google Code. Zudem haben natürlich viele Projekte eigene Download-Bereiche. Am besten besorgen Sie sich die Programme von FLOSS-Spezialisten, Homepages oder seriösen Portalen, denn wenn Sie eine quelloffene Software von einer unbekannten Quelle saugen, könnten Sie natürlich auch eine mit Viren oder Spionagefunktionen „angereicherte“ Version finden – allerdings sind derart verseuchte FLOSS-Programme in der Praxis, gelinde gesagt, selten.

Kann ich freie Programme normal installieren?

GNU utilities for Win32

FLOSSler sind auch nur Menschen, die meisten Tools sind unter Windows schlichte EXE-Dateien, wie hier die GNU utilities for Win32

90 Prozent oder mehr aller Programme, die Ihnen über den Weg laufen, lassen sich wie jedes andere Tool installieren/nutzen – meist also über eine setup.exe oder programmXY.exe. Ab und an kommt es aber vor, dass Sie selbst kompilieren müss(t)en, also aus den Quelltexten eine lauffähige Anwendung erzeugen, sprich eine EXE-Datei. Theoretisch ist das meist nicht sonderllich kompliziert, für die Praxis können wir Ihnen aber dennoch nur den Rat erteilen: Lassen Sie es – sofern Sie nicht Spaß an Bastelei haben und/oder grundlegende Ahnung vom Programmieren haben.  Denn häufig ist dieser Prozess mit vielen nachzuinstallierenden Tools, konkreten Programmversionen, magerer bis fehlerhafter Dokumentation und entsprechend haufenweise Fehlermeldungen und Frickelei gespickt, so dass die Zeit zumindest unter Windows besser in die Suche nach einer Alternative investiert wird.

Woher bekomme ich Hilfe, wenn etwas nicht klappt?

Gimp-Forum

Auch für FLOSS gibt es hervorragenden Support - etwa gratis über die jeweiligen Foren und Dokumentationen; aber auch kommerziellen Support gibt es für alle großen Projekte

Sie rufen gerne die Hersteller-Hotline an? Das kommt bei Open Source meist nicht in Frage, stattdessen sollten Sie in erster Linie die jeweiligen Nutzerforen konsultieren, die für jedes auch nur halbwegs genutzte Programm existieren.  Der Tonfall ist nicht in jeder Community immer sofort freundlich, aber sofern Sie sich an drei Grundregeln halten, dürften Sie sehr zufrieden mit dem Support sein: Suchen Sie zunächst, ob es im Forum oder Handbuch/Wiki bereits eine Lösung gibt, Doppel-Postings führen fast immer zu hämischen, genervten Kommentaren. Posten Sie schließlich Ihr Anliegen, platzieren Sie es in einer passenden Kategorie (wird sonst garantiert verschoben und den gehobenen Zeigefinger gibt es obendrein …) und forumulieren Sie eine konkrete Frage mitsamt Begleitumständen, also etwa genutztes Betriebssystem, Hardware, Programmversion und so weiter. Wem das umständlich erscheint, möge sich mal an die bisherigen Erfahrungen mit (kostenpflichtigen) Hotelines erinnern – ein Vergnügen? Wollen Sie komplexere Programme, wie  Office-Suite oder Kundenmanagementsystem, kommerziell im Unternen einsetzen, können Sie in der Regel wie gewohnt Support oder Wartung einkaufen – und da Services für ein FLOSS-Produkt jeder anbieten darf, sind Sie nicht einmal auf den Hersteller angewiesen!

Kann Open Source etwas, was Kommerzielles nicht kann?

Firefox Nightly Builds

Jede Nacht eine neue Photoshop-Version im Entwicklungsstatus? Eher nicht ... - beim quelloffenen Firefox kein Problem

Ist ja alles ganz nett, aber von mir aus darf Software durchaus was kosten – was soll ich also mit Open Source? Gute Frage – zumal es tatsächlich gute Gründe dafür gibt: Keine Abhängigkeit von irgendeinem Hersteller (kostenpflichtige Upgrades, eingestellter Support, Hersteller-Konkurs, etc.), qualitativ sehr hochwertiger, fehlerarmer Code, sehr hohe Sicherheit, sehr häufig Plug-in-fähig, garantiert keine Reklame für weitere Produkte des Herstellers und sehr häufig sehr innovative, fortschrittliche Programme, da Communities meist schneller neue Features umsetzen können und nicht auf bestimmte Release-Termine (Weihnachten, Messen, etc.) warten müssen. Sie wollen einen Beweis? Dieser Artikel entsteht beispielsweise mit LibreOffice, geht mit Thunderbird an die Redaktion, wird mit 7Zip gepackt und landet mit Filezilla auf dem Server – obwohl auf diesem Rechner auch die kommerziellen Produkte von Microsoft, Winzip und so weiter installiert sind; aber eben nur für Testzwecke.

Welche Software sollte ich auf jedenfall kennen?

xbmc

Sollte man kennen: Das Mediacenter XBMC ist gerade im Zusammenspiel mit Android-Geräten als Fernbedienung ein echtes Highlight

Es gibt einige Tools, die Sie auf jeden Fall kennen sollten – weil Ihnen sonst einfach etwas entgeht! Einige Tools sind besonders interessant, weil Sie Alternativen zu sehr teuren Programmen sind (Gimp statt Photoshop), andere, weil Sie besser als die kommerzielle, bekannte Konkurrenz ist (XBMC statt Windows Media Center) und wieder andere, weil es gar keine wirklichen Alternativen gibt, wie bei der Speicher-Visualisierung Windirstat (siehe Kasten). Viele der wichtigsten Projekte stellen wir Ihnen auf diesen Seiten in den Top-10s vor, die spanndensten auch in eigenen Kästen oder anhand von Workshops.

Lässt sich  etwas nicht durch FLOSS ersetzen?

Adobe Lightroom

Tja, beim Adobe-Universum kommt FLOSS an seine Grenzen, Photoshop, Lightroom & Co. lassen sich nicht wirklich ersetzen, wenn es um professionelle Fotoarbeiten geht

Leider ja. Natürlich bildet nicht jede FLOSS-Alternative jede Funktion eines eventuellen kommerziellen Vorbilds 1:1 ab – sind solche in einen größeren (Firmen-) Workflow eingebunden, kann das schon mal dazu führen, dass es sehr schwierig ist, etwa MS Office durch LibreOffice zu erstetzen, wenn beispielsweise Hunderte Vorlagen, Schnittstellen und Skripte angepasst werden müssen. Einige Programme sind aber auch an sich kaum zu ersetzen. Zum Beispiel ist die Videobearbeitung ein sehr kritisches Feld. Zwar gibt es extrem leistungsfähige Videoschnittlösungen und einfache Cutter für den Privathaushalt, komplexe und angenehm zu bedienende Editoren wie man Sie von Roxio oder Nero kennt, sind jedoch nach wie vor nicht zu finden – hier lohnt es sich, Geld auszugeben. Nicht ganz so deutlich ist der Umstand bei Photoshop:  Gimp dürfte Privatnutzern zu 80, 90 Prozent ausreichen, dennoch gibt es eingige Photoshop-Funktionen, die Gimp nicht oder deutlich schlechter umsetzt (Fluchtpunkt, automatisches Freistellen, Filter-Gallerie, Workflow mit weiteren Adobe-Produkten und mehr). Für ambinionierte Hobby-Fotografen können sich die rund 1.000 Euro durchaus schon lohnen, schaut man sich gängige Foto-Hardware-Preise an. Weitere Kategorien ohne wirkliche FLOSS-Konkurrenz sind Spiele und Lernprogramme – beide leben wesentlich von Multimedia-Inhalten und eben jene sind nur mit einem PC nicht zu erstellen und Videostudios, professionelle Sprecher und ähnliches finden in offenen Projekten freilich eher selten zu finden. Zu guter letzt fehlt natürlich noch Windows selbst: Linux ist zwar eine perfekte Alternative und dank der Windows-„Simulation“ Wine laufen sogar viele Windows-Anwendungen unter Linux, jedoch gibt es nach wie vor nicht die native Spieleunterstützung – für viele User Grund genug, Linux gar nicht erst in die engere Auswahl zu nehmen.

Quellen:
Stallman-Foto
Raymond-Foto
CC-BY-SA-Lizenz
Gates-Brief

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